Kenia – Die Samburu

Massai oder Samburu?

Jenseits von Afrika oder Out of Africa – Wer entflammte nicht nach dem Erscheinen des Films in sehnsuchtsvoller Liebe zu diesem Kontinent? Und es stimmt, Afrika ist so, seine Schönheit tut weh!

Der Traumstrand Diani Beach an der Südküste Kenias ist unser Ruhepunkt seit den 1990er Jahren, wenn wir mal nicht auf großer Tour sind. Hier kann man mit einem eisgekühlten Drink unter dem Sonnenschirm liegen und neue Pläne schmieden. Massai und Samburu befinden sich direkt vor unserer Nase. Ganz ohne Abenteuer geht es eben doch nicht, wie unsere zwei Reisen in die Heimat der Samburu zeigen.

Massai - Beach vendor at Diani Beach.
Massai

Während man in den 1990er Jahren hauptsächlich Massai am Strand traf, gab es ab 1998, nach dem Erscheinen des Buches Die weiße Massai von Corinne Hofmann, geradezu einen Boom. Immer mehr Samburu machten sich aus dem weit entfernten Norden an die Küste auf, um hier ihren Schmuck zu verkauften. Lketinga, den Corinne Hofmann damals heiratete, gehört zum Stamm der Samburu und nicht zu den Massai, wie der Titel vermuten lässt.

Samburu
Samburu

Viele Völker bilden Kenia. Die Massai und Samburu treten besonders durch ihren farbenfrohen Schmuck, die bunte Kleidung sowie dem Festhalten an ihre Hirtenkultur in unser Bewusstsein.

Herkunft – Aji Engwaa

Massai oder Samburu?
Der Ursprung beider Völker ist nilotisch-hamitisch, er liegt vermutlich im Süd-Sudan. Die Samburu glauben, dass sie einst aus dem Himmel (Nkidisin) kamen.

Massai und Samburu sind Halbnomaden und Viehzüchter. Beide Völker sprechen Maa. Massai-Hirten sind an ihren roten Tüchern zu erkennen. Samburu bevorzugen drei Tücher übereinander getragen: Gelb, Hellblau und Rot.

Samburu und Massai – Händler am Strand
Samburu und Massai – Händler am Strand

Siedlungsgebiet – Wanata

Während sich die Massai bei ihrer Wanderung nach Süden im Osten Kenias und in Tansania niederließen, siedeln die Samburu im Zentrum Kenias vom Lake Baringo hinauf zum Lake Turkana im Norden (South Horr), bis östlich an die Ränder des Marsabit-Nationalparks im Laikipia County (Rumuruti), Isiolo County (Isiolo) und natürlich dem Samburu County mit der Hauptstadt Maralal. Ihr Land liegt auf einer felsigen Hochebene, in der Gras und Dornbuschsavanne vorherrschen.

Die Bedingungen für die Viehzucht sind dort längst nicht so günstig, wie die im Gebiet der Massai. Außerdem machen den Hirten große klimatische Veränderungen zu schaffen. Im Fünf-Jahres-Rhythmus, so scheint es, kommen Dürre und Hungersnot. 2006, 2011 und nun 2017 wieder. Der einzige Reichtum und die Lebensgrundlage des Hirten-Volkes sind sein Vieh. Wenn das Vieh stirbt, stirbt der Mensch.

Rumuruti - Viehmarkt
Rumuruti – Viehmarkt

Zeit – Ngamata

Viele Samburu können nicht sagen, wie alt sie sind. Wer eine Identity-Card beantragt, legt sich beim Geburtsdatum auf ein Jahr fest. Die Phasen von Dürre und Regenzeit bestimmen den Jahreslauf. Stammes-Älteste benennen die Zeit für Riten und Feste.

Körperliche Initiationszeichen

Die rituelle Zahnextraktion

Rituelle Zahnextraktionen sind bei den Massai und Samburu immer noch üblich; einer der augenscheinlichsten Beweise der Reife und Aufnahme in die Gemeinschaft. Sie verleiht dem Betroffenen Würde und Anerkennung.

Nachdem die Milchzähne ausgefallen sind, entscheiden Eltern oder nächste Angehörige über den Zeitpunkt der Zahnextraktion. Dann werden beide mittlere untere Schneidezähne (die bleibenden) mit einem spitzen scharfen Gegenstand aus dem Kiefer herausgeschnitten.

Diese schmerzhafte archaische Handlung wird bei allen Geschlechtern ohne Betäubung durchgeführt. Eine besondere Desinfektion oder Wundbehandlung findet nicht statt. Die Kinder werden lediglich angehalten anschließend den Mund und die Zähne mit einem kleinen Ast des Salvadora persica zu pflegen. Der so genannte Zahnbürstenbaum enthält keimhemmende Wirkstoffe. Seine Zweige werden traditionell zur Zahnreinigung verwendet. Wem die Zähne nicht entfernt wurden, wird als „Donkey“ (Esel) verspottet.

Die Wurzeln des Brauches liegen in dunkler Vergangenheit. Das Herausbrechen der Zähne hatte sogar Auswirkungen auf die Entwicklung der Sprache. So fehlen in der Maa-Sprache das F und V weil die Zunge die Neigung hat, sich in eine Zahnlücke vorzuschieben und somit nur Zischlaute produzieren würde, fand der Hamburger Zahnarzt Hans Lignitz heraus.

Nach Roland Garve (Zahn, Kultur und Magie; Quintessenz Verlag) wurde die Extraktion der oberen mittleren Schneidezähne bereits von mesolithischen Bevölkerungsgruppen in Ostafrika praktiziert, die sich dadurch mit einem Herden- oder Ahnentier identifizierten. Oviden und Boviden (Rinder) haben von Natur keine Frontzähne im mittleren Oberkiefer.

Eine andere Erklärung könnte die Zahnentfernung als Vorstufe eines nächsten Initiationsritus sein. Roland Garve beobachtete unter anderen bei den Mursi in Äthiopien, dass sie nach der Zahnextraktion einen hölzernen Pflock oder eine Tonscheibe in die Unterlippe eingesetzt bekamen. Das Herausbrechen der Zähne stellt somit eine optimale anatomische Vorbereitung des Unterkiefers dar.

Mursi-Frau mit Lippenteller
Mursi – Süd-Äthiopien mit Lippenteller

Der Ursprung geriet im Laufe der Jahrhunderte auf ihrer Wanderung in den Südwesten bei den Massai und Samburu in Vergessenheit und wandelte sich in die Extraktion der unteren mittleren Schneidezähne.

Nach der Zahnlücke befragt geben die Samburu heute folgende Erklärung:
Befindet sich ein Mensch in einem gesundheitlich bedrohlichen Zustand und kann selbst keine Nahrung mehr aufnehmen, oder der Kiefer krampft aus irgendeinem Grund zusammen, könnte durch die Zahnlücke immer noch Wasser und Nahrung (Milch oder das traditionelle Milch-Blut-Gemisch) zugeführt werden.

Junge Krieger (L Murran) fallen während ihrer stundenlangen Tänze oft in Trance. Auch dabei wird es notwendig, sie mit Flüssigkeit versorgen zu können.

Inzwischen entscheiden sich immer mehr Eltern gegen körperliche Initiationszeichen, weil sie nichts dergleichen bei den „gebildeten Menschen“ mit westlichem Lebensstil sehen. Sie setzen Bildung mit wirtschaftlichem Erfolg gleich und möchten unbewusst die Zeichen eines zivilisatorischen Unterlegenheitsgefühls wenigstens äußerlich loswerden.

Samburu Woman with ritual tooth extraction

So quälend der Eingriff auch sein mag, er verbindet alle Mitglieder der Samburu-Gesellschaft. Jeder von ihnen kennt den Schmerz und die Prüfungen. Schönheit wird in allen Kulturen anders definiert. Heute tragen eher Entwicklungshelfer Tunnel und Pflöcke in den Ohren, piercen Haut, Zunge und Zähne ohne einen Gedanken an den Ursprung ihres Körperschmucks zu verschwenden.

In Kenia wurde den indigenen Völkern Bildung hauptsächlich in christlichen Missionsschulen vermittelt. Zu einer erfolgreichen Integration schien es erforderlich zu sein, alle sichtbaren Merkmale des vermuteten Animismus auszumerzen.

Samburu, die lesen und schreiben können, tragen für Gewöhnlich keine geweiteten Ohrläppchen, sie müssen auf den Stolz des Murrani verzichten – das lange kunstvoll geflochtene Haar der Krieger. Sie schmücken sich nicht mehr mit den rituellen Narben, sogar auf ihren Namen, der immer eine Bedeutung hat, müssen sie von nun an verzichten.

Ihre Einzigartigkeit, alle Zeichen einer traditionellen lebendigen Kultur, wu(e)rden ihnen genommen. Die berühmte Zahnlücke entstand vor dem Eintritt in die Schule.

Beschneidung – E Muratare

Die Beschneidung von Jungen und Mädchen ist das bedeutendste Fest. Warum beschnitten wird kann niemand begründen. Das Ritual bedeutet für Jungen und Mädchen eine Mutprobe zu bestehen, stark zu sein und den Anforderungen gerecht werden zu können. Für Mädchen hat die Beschneidung verheerende Folgen, manchmal endet sie tödlich.

Heute herrscht nicht bei allen Samburu eine einheitliche Meinung darüber. Eine Familie wünscht, dass die Tradition eingehalten wird, die andere sieht den Brauch als überholt an. Die Beschneidung der Jungen wird nicht in Frage gestellt. Sie ist die Voraussetzung dafür, ein Krieger, ein Murrani, sein zu können.

Altersklassen – Laji

Einst als Junge gemeinsam initiiert, sind die Männer ein Leben lang miteinander verbunden, sie bilden eine Altersklasse. In den Altersklassen werden vor allem die Jungen moralisch erzogen. Der Brauch, als Olpiroi bezeichnet, ist die Grundlage der Samburu-Gesellschaft, die auf der Basis einer Alters-Hierarchie, dem daraus folgenden Respekt und der Einhaltung der Traditionen weiterlebt.

Die Murrani leben getrennt von Familien und Ältesten. Sie essen nur im Kreis von Murrani. Alkohol und Tabak sind tabu. Ihr einziger Besitz sind traditionelle Waffen wie die Rungu (eine Keule), der körperlange Speer und das Lalema, ein zweischneidiges Schwert.

Abends sitzen sie gemeinsam am Feuer. Der Laranyak, ein begabter Liedermacher, führt ihren Gesang an. Auf Initiations-Festen, an Hochzeiten und anderen Höhepunkten tanzen die Murrani und wetteifern untereinander, wer am höchsten springen kann.

Samburu Murrani
Samburu Murrani

Die Murrani, die auszogen, um an der Küste vorübergehend ihr Glück zu suchen, organisieren sich in einer Tanzgruppe. Diese Gruppe wird von einem erfahrenen etwas älteren Tänzer angeführt. Er ist der Verbindungsmann zu den Hotels. In einer bestimmten Reihenfolge treten die Männer und wenige Frauen am Abend als Teil einer Unterhaltungs-Show auf. Tatsächlich tun sie hier nichts Anderes als das, was in ihrer Heimat zu feierlichen Anlässen üblich ist. Für einen Auftritt am Abend, der ungefähr eine Stunde dauert, bekommen sie pro Person maximal einen Euro! Dabei wohnen sie oft weit entfernt und müssen vom Gewinn die Hin- und Rückfahrt zum Hotel bezahlen.

Eine dieser Tanzgruppen habe ich am Diani Beach gefilmt und die Tänze dort benannt.

Samburu Dancers - traditional

Schönheit, Anmut und Kraft – Kesupat, Kelash, Kegol

Die Samburu-Männer durchlaufen drei Lebensabschnitte: Hütejunge, Krieger und Ältester. Während der Beschneidung wird ihr Haar abrasiert. Die Zeit als Krieger stellt den Höhepunkt im Leben eines Mannes dar. Er trägt Verantwortung für das Vieh und den Schutz der Gemeinschaft. Das Haar des Kriegers wird nun nicht mehr geschnitten. Es wird kunstvoll in vielen kleinen Zöpfen zusammengefasst und mündet oft in einen reich verzierten Holzpflock. Die Anzahl der bunten Armreifen zeigt seine Beliebtheit. Die jungen Krieger verwenden viel Zeit auf ihr Äußeres, sie sind sich ihrer Schönheit wohl bewusst.

Samburu Krieger
Schönheit, Anmut und Kraft, der Stolz eines Samburu-Kriegers.

Verheiratete Frauen tragen selbst im Alltag schwere Perlenketten.

Heirat – Nkiama

Für Mädchen bedeutet die Beschneidung, dass sie nun bereit zur Heirat sind und eine Familie gründen können. Meistens wird die Ehe arrangiert und die Männer sind wesentlich älter. Wenn ein Mann mehrere Frauen ernähren kann und den Brautpreis bezahlt steht es ihm frei weitere Frauen zu ehelichen.

Samburu Frauen

Männer können nur heiraten, wenn sie sich in der Klasse der Ältesten befinden. Von ihnen wird ein Brautpreis gefordert. Mindestens eine Kuh sollte es sein. Auch aus diesem Grund sind viele Männer älter, wenn sie heiraten. Aufgrund der Dürre können sich die Tiere nicht schnell genug generieren. Ein versprochener aber noch nicht beglichener Brautpreis schadet der Ehre.

Hütten – Nkajijik

Die Unterkünfte der Samburu bestehen aus großen Ästen und Zweigen, die mit Erde verschmiert werden. Auch das Dach wird so abgedichtet. Darüber liegen heute oft Kunststoff-Planen, früher waren es die getrockneten Felle von Ziegen. Während der Regenzeit lösen sich diese Behausungen in ihre Bestandteile auf und werden wieder ein Teil der Natur, wie wir selbst feststellen konnten.

Samburu-Haus
Samburu-Haus

Reisen zu den Samburu

Allgemeines

Organisierte Reisen in die Samburu National Reserve, Buffalo Springs und Shaba National Reserves bietet jedes Reisebüro an. Da diese Naturschutzgebiete weiter von der Küste entfernt liegen, die Anreise länger dauert und das Gebiet nicht klassisch beworben wird, sind sie immer noch ein Geheimtipp für Safari-Liebhaber. Die Landschaft im Norden Kenias ist einzigartig.

Das internationale Maralal Camel Derby findet jährlich im August statt.

Vor Ort, in Kenia, lässt sich eine Reise in den Norden besser organisieren. Jedem, der das in Erwägung zieht, schreibe ich eine gewisse Reiseerfahrung und Abenteuerlust zu.

Sicherheit

Viele Agenturen rieten uns vor einer Reise in den Norden ab. Zum einen aus wirtschaftlichen Gründen, denn Fahrer und Fahrzeug stehen in dieser Zeit für lukrative Fahrten durch die Nationalparks nicht zur Verfügung. Zum anderen finden immer wieder bewaffnete Übergriffe zwischen Samburu und Turkana oder anderen ethnischen Gruppen um Vieh statt. 2015 verloren 50 Menschen dabei ihr Leben. Daraufhin kam es im November in Isiolo zu einem Treffen der Parteien. Politische Führer, die Ältesten der Clans sowie die Krieger, vereinbarten in einem Memorandum Frieden.

Selbst zu fahren wagten wir bisher nicht. Dabei sind Kenias Straßen bis Rumuruti in einem guten Zustand. Wir hatten eher Bedenken vor Pannen und dafür war unser Zeitrahmen nicht groß genug. Die Umstände unserer Reisen habe ich in den nebenstehenden Reiseberichten beschrieben.

Ukunda Bus Station
Ukunda Bus Station

Reisezeit

Aufgrund der selbst gemachten Erfahrungen kann aus der Kleinen Regenzeit im Dezember / Januar eine Große Regenzeit werden. Während der Trockenzeit wandern die Samburu den möglichen Futter-Plätzen für ihre Tiere entgegen. In den Hütten herrscht Mangel.

Kenia Samburu Kleine Regenzeit im Dezember
Kleine Regenzeit im Dezember.

Unterkünfte

finden sich in jeder Stadt entlang der Strecke. Der Standard ist afrikanisch.

Eine Alternative inmitten des Samburu-Landes böte in der Region Mugie, ein von Europäern geführtes Tier-Reservat. Ich bin im 2. Reisebericht näher auf Mugie eingegangen. Aus den geschilderten Gründen sehen wir hier keine Nachhaltigkeit im Tourismus.

Verpflegung

Rumuruti, Suguta oder Kisima sind kleine Orte. Die Preise für Waren aller Art steigen mit der Entfernung zu größeren Orten.

Übernachtungen bei einem Samburu-Clan möchten gut geplant sein. Egal wie lange der Aufenthalt dauern soll, bringen sie ausreichend Lebensmittel und Wasser für den Eigenverbrauch und als Geschenk mit. Die Familien verfügen über keinerlei Vorräte, sie leben hauptsächlich von der Milch ihrer Tiere.

Zucker und Salz, Öl oder ein anderes Kochfett können willkommene Aufmerksamkeiten sein. Paraffin für Lampen, Porridge für Kleinkinder, Kangas, Schulhefte, Stifte, Medikamente zur Fiebersenkung, Schmerztabletten und Verbandsmaterial. Eigentlich können die Samburu alles brauchen.

Die romantische Ngari Hill Eco-Lodge in Maralal genügt auch höheren Ansprüchen.

Wir wählten für unsere Anreise die Routen westlich Isiolos. Es kam zu keinerlei Zwischenfällen. Unsere erste Reise beeindruckte uns so stark, dass wir zwei Jahre später noch einmal aufbrachen.

Kenya Samburu Map

Weitere Eindrücke und Bilder findet ihr in unseren Reiseberichten im Kasten rechts als PDF oder in unserem Film

Samburu Moran

 

Ein Klick auf das Bild führt zum Film auf YouTube; ein Klick auf die PDF führt zum geschriebenen Reisebericht mit vielen weiteren Bildern.

Kenia Samburu Murran

Samburu Murran