CHIN STATE

Chin State oder Chinram, das Land der Chin

Myanmar, vormals Burma, ist an sich unter den Reisezielen Asiens exotisch genug. An den Rändern des jungen Landes gibt es jedoch mehr zu entdecken als Pagoden und thanaka-geschmückte Mädchen.

Chin State, Myanmar, Wooden cars
Wooden cars

Der Chin State in Myanmar ist etwas kleiner als die Schweiz und wenig besiedelt. Auf 36.018,90 km² leben nur 478.801 Einwohner, laut Volkszählung von 2014. Die Schweiz zählte zur gleichen Zeit 8,18 Millionen Bürger auf 41.285 km². Der Chin State ist einer der 7 Staaten von insgesamt 15 Verwaltungseinheiten Myanmars. Er grenzt im Nord-Westen an Indien, südwestlich an Bangladesch und erstreckt sich über die Bergkette des Arakan-Yoma.

Aufgrund seiner Geographie liegt der State vom übrigen Myanmar abgeschieden und ist bis heute schwer zugänglich. Während bei den asiatischen Nachbarn der Raubbau an der Natur voranschreitet, bescheinigt der WWF dem Chin State einen guten Zustand.

Wenn überhaupt, so ist der Begriff Chin wenigen Reisenden bekannt, die sich von MraukU in die Dörfer des Südens Pan Poun, Cho May und Gon Kyawm aufmachen, um dort die letzte Generation der Chin-Frauen zu fotografieren, die ihr Gesicht mit einem Schutz-Tattoo schmückten.

Chin State Woman
Die wohl berühmteste Dame des südlichen Chin State, 2006.

Diese Art von „Sensation“ ist im zentralen und nördlichen Chin State nicht geboten. Die Kultur im Süden mutet eher animistisch an. Im Norden und im zentralen Chin State bekennen sich die Menschen hauptsächlich zu einer der zahlreichen christlichen Kirchen.

Eine Reise in die Region macht ohne eine Kontakt-Person, die bestenfalls einem der Chin-Völker angehört, keinen Sinn. Die Chin sind in erster Linie Bauern und befinden sich tagsüber auf den Feldern. Unterkünfte sind einfach und rar. Am Wochenende öffnen nur die Gotteshäuser. Restaurants und Shops halten sich daran: „Am siebenten Tag sollst du ruhen.“

Wer hier reisen möchte braucht viel Zeit. Die Durchschnittsgeschwindigkeit von 15 bis 20 km/h wird selten überschritten. Öffentliche Verkehrsmittel dienen daneben dem Transport von Waren.

Chin State Bus - Transport von Waren und Menschen, es gibt keine Alternative.
Transport von Waren und Menschen, es gibt keine Alternative.

Chin-Clans

Mit dem Begriff Chin werden 6 Haupt-Clans mit 63 Sub-Clans bezeichnet und (regional) zusammengefasst, die jeweils eine eigene Sprache sprechen, Linguisten zählen mehr als vierzig.

Herkunft der Chin

Das Wort Chin ist ein Exonym, über das es unendlich viele Deutungen gibt.
Heute identifizieren sich die Völker mit dem kollektiven Namen weil sie glauben, dass er auf ihren gemeinsamen Ursprung hinweist. Mündliche Überlieferungen, Volkslieder und Legenden berichten, dass all die verschiedenen Clans einst aus ein und derselben Heimat Chin-lung (Ciinlung, Tsinlung …) stammten. Bei Chin-lung soll es sich um eine Höhle (Loch) auf dem Gebiet Chinas oder Tibets handeln.

Chin-lung wird nicht nur als Herkunftsmythos, sondern als historische Realität angesehen. Ganz sicher sind die Chin Teil der tibeto-birmanischen Volksgruppen wie ihre Nachbarn die Naga-Völker und die Kachin. Die Chin wanderten aus dem Himalaya über das Tal des Chindwin nach Süden. Zwischen Chindwin River und westlich des Ayeyarwadys (Irrawaddy) soll ihr erstes Siedlungsgebiet gelegen haben.

Mündliche Überlieferungen der Laimi berichten, dass eine extreme Überflutung im Tal des Chindwin die Ursache dafür war, dass sich ihre Vorfahren zwischen dem 13. und 14. Jahrhundert wieder in die Berge zurückzogen. Während des Monsuns kommt es regelmäßig zu verheerenden Überschwemmungen in diesem Tal.

Blick zurück auf Kalaymyo.
Blick zurück auf Kalaymyo.

Jüngere Geschichte der Chin-Völker

Das Land der Clans wurde 1895 Teil des britischen Empire. Die traditionellen Chiefs verloren weder Macht noch Autonomie. Die Briten förderten in den Frontier Areas das Häuptlingssystem und die demokratischen Clan-Systeme, weil sie von deren gut durchdachten Strukturen profitierten.

Die Zersplitterung des Siedlungsgebietes der Clans entstand willkürlich durch die Herauslösung von Birma (Myanmar) aus Britisch-Indien. Nach dem Birma Act 1937 verblieb der westliche Teil in Britisch-Indien.

1947 erlangte Indien die Unabhängigkeit von Großbritannien, Pakistan wurde aus Indien herausgetrennt. Damit erfolgte eine weitere Teilung des traditionellen Lebensraumes der Völker. Plötzlich lebte ein Teil in Ost-Pakistan, jetzt in den Chittagong Hills in Bangladesch und ein weiterer Teil verblieb in der Indischen Union in Mizoram.

Die Völker, die nun zu Indien oder Bangladesch gehörten, mussten sich in die dortigen Systeme einfügen.

Map Chinram
Entnommen aus: In Search of Chin Identity von Lian H. Sakhong

Das Panglong Agreement versprach den Frontier Areas in Burma Autonomie. Vertreter der Chin unterzeichneten am 12. Februar 1947 das Abkommen. Nach der Unabhängigkeit von England 1948 wurden die verschiedenen Völker, die vorher frei und selbständig lebten, in Burma unter eine politische Einheit gestellt. Falam wurde Sitz der örtlichen Administration. Die Clans und Sub-Clans mit jeweils eigener Sprache, Geschichte und Kultur sollten nun ein Ganzes bilden.

Ciimnuai Guest House von Pa Pau und Nu Niang. Clan-Chiefs und Vorfahren. Unterzeichnung des Panglong Agreements 1947.
Ciimnuai Guest House von Pa Pau und Nu Niang. Clan-Chiefs und Vorfahren. Unterzeichnung des Panglong Agreements 1947.

Die intensive Missionsarbeit amerikanischer Baptisten leistete einen wesentlichen Beitrag dazu. Am 15. März 1899 traf das amerikanische Missionarsehepaar Arthur und Laura Carson in Hakha ein und eröffnete die erste christliche Missions-Station. Das folgende Jahrhundert stand unter einer unglaublich erfolgreichen Bekehrung, die bis heute anhält. 85,4 % aller Chin bekennen sich zum Christentum.

Gesellschaftlicher Status

In der Vor-Britischen Clan-Kultur bildete das Dorf eine unabhängige selbstverwaltete Einheit. Der Chief oder Häuptling fungierte als Verwalter und Richter in allen Angelegenheiten. Einige dieser Chiefs herrschten über mehrere Dörfer und ausgedehnte Gebiete.

Die Kandidaten sollten angesehene Jäger, siegreiche Krieger und / oder wohlhabende Bauern sein, schlicht gesagt Gewinner-Typen. Gesellschaftlicher Status ist bis heute ein Schlüsselwort, wenn man über die Chin spricht. Das Leben eines Mannes und seiner Familie ist darauf ausgerichtet, einen höchst möglichen Status innerhalb seiner Gemeinschaft zu erreichen.

Die Ausrichtung von Verdienstfesten bot ausreichend Gelegenheit dazu. Unzählige Mithuns wurden geopfert und in den Dörfern gemeinsam verzehrt, ihre Schädeltrophäen schmückten die Häuser und waren Messlatten von Wohlstand und Generosität. Nach der Hinwendung zum Christentum muss nun der eigene Grabstein als Status-Symbol reichen.

Die Vorfahren errichteten schlichte Stelen aus Stein. Sie kannten keine Schrift. Es gab nur mündliche Überlieferungen. Heute werden die Verdienste in englischer Sprache auf einem christlichen Grabstein ausführlich dokumentiert.
Grabstein in Hakha. Die Vorfahren errichteten schlichte Stelen aus Stein. Sie kannten keine Schrift. Es gab nur mündliche Überlieferungen. Heute werden die Verdienste in englischer Sprache auf einem christlichen Grabstein ausführlich dokumentiert.

Landwirtschaft

Die geographische Lage lässt keine großflächige Landwirtschaft zu. Trotzdem ringen die Bauern dem Land auf den fast senkrechten Berghängen ihre Lebensmittel ab. Der Transport von Waren ist äußerst mühsam und eine der Ursachen, dass sich kein Markt-Leben entwickeln konnte.

Das Leben der Bauern im Chin State ist beschwerlich.
Das Leben der Bauern im Chin State ist beschwerlich.

Auf hölzernen Karren werden die Lasten bergauf und -ab geschoben.
Die Menschen sind Selbstversorger in allen Belangen. Traditionell betreiben sie Brandrodung und Wanderfeldbau. Konnte das vorhandene Land die größer gewordene Bevölkerung nicht mehr ernähren, so kam es zu Dorf-Aufspaltungen. Verschiedene Familien zogen dorthin, wo es genug Land gab – der Clan teilte sich, ein neues Dorf entstand.

Reis ist das Grundnahrungsmittel. Mais und viele verschiedene Gemüse sowie Kürbis ergänzen die Speisekarte. Zitrusfrüchte, Äpfel, aber auch Tee und Kaffee werden experimentell angepflanzt. Für die Weiterentwicklung der Landwirtschaft fehlen Straßen und Handelsplätze.

Ein Kohlfeld unterhalb der Hauptstraße.
Ein Kohlfeld unterhalb der Hauptstraße.

Jede Familie besitzt Mithuns, die frei durch die Wälder streifen und trotzdem von ihren Besitzern eindeutig identifiziert werden können. Schweine und Geflügel wohnen unter den Häusern.

Die Jagd ist eine weitere Quelle. Erbeutet werden verschiedene Bären-Arten, Rotwild, Bergziegen und Raubkatzen. Dem Tiger geht man eher aus dem Weg. Wie die Naga-Völker glauben die Chin, dass sich bestimmte Menschen in einen Tiger verwandeln können. Die Menschen-Seele vereint sich mit der Tiger-Seele und schweift jagend umher – unsere Werwolf-Idee.

Der Nashornvogel ist das Symbol des Chin States in Myanmar.
Der Nashornvogel ist das Symbol des Chin States in Myanmar.

Traditionelle handwerkliche Waren sind alle Arten von Bambus- und Ton-Gefäße. Frauen weben hochwertige bunte Stoffe.

Fast jede Frau kann weben.
Weben zu können war früher ein Muss.

Prestige-Wirtschaft

Aufgrund des fehlenden Handels und des minimalen Austausches mit anderen Regionen entwickelte sich unter den Chin eine kulturelle Besonderheit: Die Prestige-Wirtschaft.

Silberarbeiten für den aufwändigen Schmuck, Messer, spezielle Waffen und Metall kamen aus den Ebenen. Sie waren so selten, dass ihnen eine besondere Bedeutung im sozialen Leben zukam. Man gab den kostbaren Dingen, die hochwertiger produziert worden waren, professionelle Handwerkskunst voraussetzen und aus den höher entwickelten Ebenen stammten, das Prädikat vaai, was mit zivilisiert übersetzt wird.

Diese seltenen Gegenstände, die vaai, wurden zu Hochzeiten verschenkt, waren Ausgleichszahlungsmittel nach Verfehlungen innerhalb der Gemeinschaft. Sie wurden nur vererbt, getauscht, aber nie verkauft. Der Besitz an vaai vermehrte den gesellschaftlichen Status des Besitzers ebenso wie die Anzahl seiner Mithuns.

Chin-Dörfer

Mit Ausnahme weniger Verwaltungszentren (Falam, Hakha und Tedim) leben die Clans in weit verstreuten Dörfern. Kleine Siedlungen liegen entlang der Bergrücken in einer Höhe zwischen 1.700 und 2.000 m.
Schon immer musste ein Kompromiss zwischen der Verteidigung des Dorfes und dem Zugang zu Wasser gefunden werden. Heute versucht die burmesische Regierung die Menschen in tiefer gelegene Regionen umzusiedeln.

Der ständige Wechsel von Wind, Sonne, Nebel und lange andauernde Regenfällen setzen den Häusern zu.
Der ständige Wechsel von Wind, Sonne, Nebel und lange andauernde Regenfällen setzen den Häusern zu.

Einfache Bauten aus Holz oder Bambus schmiegen sich an Wege und Straßen, die Pfähle fest am Steilhang verankert, oft nur durch ein Brett mit dem Straßenrand verbunden. Im Süden wird mehr Bambus verwendet, im kühleren Norden bestehen die Wände aus roh gehobelten Brettern. Früher bedeckte Gras das Dach, heute ist es meistens Wellblech. Fast jedes Haus besitzt eine Veranda, auf der die Hausarbeiten verrichtet werden. Im Spitzdach trocknen die Vorräte direkt über den Köpfen der Bewohner.

Im südlichen Chin State sind die Temperaturen höher, hier findet mehr Bambus Verwendung.
Im südlichen Chin State sind die Temperaturen höher, hier findet mehr Bambus Verwendung.

Die Chin-Völker gehören in Myanmar zu den ethnischen Minderheiten. Ihr Bekenntnis zum Christentum grenzt sie im buddhistischen Land weiter aus. Hinzu kommen die harten Lebensbedingungen.

Aus politischen Gründen verließen in den letzten Jahrzehnten tausende Menschen ihre Heimat und emigrierten in die USA, nach Australien, Malaysia, Indien und Europa. Hintergründe erklärt der Bericht von Human Rights Whatch aus dem Jahr 2009.

Chin State Friedhof
Friedhof

Argwöhnisch beobachtet die Zentralregierung in Naypyidaw das Treiben der starken Kirchen-Gemeinschaften. Ab und zu wird der Neubau eines übergroßen Kreuzes auf einem Bergrücken untersagt. Trotzdem tummelt sich im Chin State erstaunlicherweise eine Vielzahl ausländischer christlich motivierter Hilfsorganisationen aller Herren Länder, die ihre Dienste auf medizinischem und technischem Gebiet anbieten.

In Search of Chin Identity ist der Titel einer Studie von Liang H. Sakhong und so könnten auch wir unseren Reisebericht überschreiben.

In welcher Mission reisen sie? Eine Reise durch den Chin State

Kalay – Falam – Hakha – Tedim – Siangsawn Veng – Rih Dil

Jeder Tag ein neues Abenteuer.

Das weltumspannende Internet war 2014, als ich unsere Reise vorbereitete, leer.

„In welcher Mission reisen sie?“ fragten uns Dorfbewohner und Missionare und rieben sich erstaunt die Augen, wenn sie hörten, dass wir nur zu unserem Vergnügen unterwegs sind. Unsere Exkursion begann in Kalaymyo, Kale oder Kalay, dem Tor zum Chin State.

Von dort geht es nur in einem öffentlichen Kleinbus oder in einem gemieteten Jeep weiter. Während der Regenzeit sind viele Straßenabschnitte für lange Zeit unpassierbar. Die Dörfer fallen in ihre Weltabgeschiedenheit zurück.

Chin State Transport

Wir bereisten die Region in einem angemieteten Jeep. Viele der hier veröffentlichten Informationen verdanken wir unserem kleinen Team. AsiaTrips (Antares International) mit ihrem Büro in Yangon, inzwischen in Geoplan aufgegangen, war bei der Umsetzung unseres Reisewunsches in die Realität eine große Unterstützung.

U Kyaw Win stellte den Kontakt zu den Chin her und übersetzte aus den verschiedenen Sprachen ins Burmesische. Nyi Nyi Tun (im Bild links) trug das dicke Buch über die Chin in seiner Tasche und übersetzte wiederum aus dem Burmesischen ins Englische – Stille Post in den Chin Hills.

Team Chin State
Team Chin State, Mr. Nyi Tun und U Kyaw Win.

Kalay

breitet sich großflächig im Tal des Myittha River aus, einem Nebenfluss des gewaltigen Chindwin, der im Himalaya entspringt. Im Westen begrenzen die Chin Hills die Stadt, im Osten trennen die Lay Thar Hills Kalay vom Flussbett des Chindwin und der kleinen Stadt Kalewa.

Das Abenteuer begann auf der einzigen Hauptstraße, die diesen Namen oft nicht verdient. Sie verbindet wenige Städte und Dörfer, welche sich über die südöstlichen Ausläufer des Himalayas im Arakan-Yoma verteilen. Arakan-Yoma, das sind die grünen geheimnisvollen Chin Hills.

nach Kalaymyo
Hauptstraße

Das Tempo einer Reise durch den Chin State ist beschaulich. Direkt nach den letzten Häusern Kalays erheben sich die Chin Hills. Die Straße windet sich gute einhundert Kilometer um die Bergrücken hinauf, fällt wieder ab und steigt erneut an. Wenn der Manipur River überquert ist, dauert es nicht mehr lange, Falam (Plaahm ausgesprochen) kommt in Sicht.

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=TrhawhlyoLI

Kalaymyo to Falam lautet der Film des ersten Reiseabschnitts.

Falam

liegt auf einer Höhe von 1.740 m. Bis 1974, dem Gründungsjahr des Chin State, war der kleine Ort die Hauptstadt der Chin Hill Special Division. Die Falam-Baptist Church prägt das Stadtbild. Die Chin Baptist Convention hat ihre Zentrale ebenfalls hier. Beim Besuch eines Gottesdienstes machten wir uns selbst ein Bild von der tiefen Frömmigkeit von Alt und Jung.

Falam Church
Falam Baptist Church

Nur wenige Menschen bekennen sich zum Buddhismus. In der Nähe des Krankenhauses, natürlich auf dem höchsten Punkt über Falam, befindet sich ein schöner Stupa. Von dort sieht man auf die unberührten tiefen Täler, den Manipur und die Chin Hills.

Falam Stupa
Vom Stupa oberhalb Falams bietet sich ein traumhafter Blick in die umliegenden Täler.

In der Bogyoke Road liegt ein kleines Museum. Die Tür zur Straße steht offen. Der Raum sieht auf den ersten Blick wie ein Geschäft aus und ist es vielleicht manchmal auch. Speere, Schmuck, Gebrauchsgegenstände und Münzen sind hier ausgestellt. Die Government Weaving High School ist eine Weberei mit angeschlossener Internatsschule, in der jungen Frauen eine Ausbildung im traditionellen Handwerk ermöglicht wird. Sie liegt am Ortseingang, von Kalay kommend. Dort gibt es einen Ausstellungs- und Verkaufsraum mit handgewebten ausgesprochen schönen Stoffen. Die Weberei kann besichtigt werden.

Chin State traditional Weaving.
Traditionelle Webarbeit aus dem Chin State.

Die Leiterin führte uns durch die einfachen Räume. Sie erläuterte traditionelle Muster und Techniken. Hier wird nur Birmanisch oder einer der einheimischen Dialekte gesprochen: Zanniat (Zahnyiet, Zanniet), Taisun (Shunkla, Sunkhla, Taishon, Tashom, Tashon), Laizo (Laiso, Laizao, Laizo-Shimhrin), Zahao (Lyen-Lyem, Yahow, Zahau, Zahau-Shimhrin, Za-How), Khualsim (Khualshim, Kwelshin), Lente (Gunte, Lyente), Sim,Tapong.

Einige der Arbeiten können bei U & Me, einem Geschäft in der Bogyoke Road, erworben werden. Der Laden verkauft traditionelle Longis der regionalen Ethnien.

Falam weaving

Im Holy Guest House direkt gegenüber der Falam Baptist Church steigen gewöhnlich nur Missionare oder Mitarbeiter von NGO’s ab. Im Chin State legt jeder großen Wert darauf, dass auch wirklich alle Nachbarn erkennen, wie ernst es einem mit seinem Glauben ist. So heißt der Longi-Laden an der Ecke Jehovah Nissi und sogar das Internetcafé in Kalay trug den aussagekräftigen Namen Blessing.

Holy-Guesthouse
Falam – Im heiligen Guest House steigen immer noch hauptsächlich Missionare ab.

Namenlose Küchen an der Straße sowie im Inneren des überdachten Marktes laden ein, die regionalen Köstlichkeiten zu testen. Auf Wanderungen sollte man Lebensmittel und Wasser mitnehmen. Es gibt nichts zu kaufen in den Chin Hills, die Menschen sind reine Selbstversorger und vorhandene Vorräte werden genau bemessen.

Von Falam wandten wir uns nach Süden. Die Piste führt durch die wunderschöne ständig wechselnde Berglandschaft. Für einige Stunden verließen wir die Hauptroute. Der Jeep quälte sich durch den Dschungel zum aufgestauten Zamual Lake, der einsam im Nachmittagslicht funkelte. Es gibt nichts Schöneres, als in dem Bewusstsein durch das klare kühle Wasser zu schwimmen, dass in den dunklen Wäldern noch der Tiger frei umherstreift.

Falam to Hakha lautet der Film dieser Etappe.

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=hDsTYfSiWn8

Hakha

Die Hauptstadt des Chin States, wurde im 15. Jh. von den Laimi gegründet. 98.726 Menschen (lt. Census 2014) bewohnen das Plateau in 1.870 m Höhe. Das soziale und kulturelle Leben wird auch hier weitgehend von den verschiedenen Kirchen bestimmt. Am 15. März 1899 traf das amerikanische Missionarsehepaar Arthur (1860-1908) und Laura Carson (1858-1942) in Hakha ein und eröffnete die erste christliche Missionsstation. Die Arbeit der Missionare brachte Bildung, die Einführung einer Schrift, Entwicklung, soziale und ökonomische Chancen für die Bevölkerung sowie gesundheitliche Aufklärung in das geographisch extrem abgeschlossene Gebiet.

Hakha Wedding
Hochzeitspaar in Hakha.

Wir hatten das Glück einer Hochzeitsfeier beiwohnen zu dürfen.
Dieses Fest war gleichsam ein Symbol für die heutige kulturelle Identität der Chin. Braut und Bräutigam trugen den traditionellen Silberschmuck über ihre handgewebten festlichen Kleider, als sie die Glückwünsche der Gäste entgegennahmen. Die Optik war ganz Tradition und ganz Chin. Den Segen sprach nun nicht mehr der Schamane. Hunderte Gäste saßen im Gemeindehaus der Kirche und wurden dort wie einst bei einem Verdienstfest bewirtet und willkommen geheißen.

Chin State Market

Das Grace Guest House in Hakha besitzt definitiv eine Lizenz Ausländer beherbergen zu dürfen. Im Moment kehren auch dort nur Missionare und Mitarbeiter christlicher NGOs ein. Direkt gegenüber befindet sich der überdachte Markt. Obst und Gemüse, getrocknete Nagetiere, Vögel und Mithun, die domestizierte Form des Ur-Rindes, machen das exotische Angebot aus.

Hakha – Kultur-Museum & Bibliothek

Auf zwei Stockwerken werden in dem Haus in Bogyoke Road Bronze- und Silberarbeiten, traditionelle Trachten, Schmuck, Haushaltsgegenstände aus Bambus, Tonpfeifen, Musikinstrumente sowie Webarbeiten der verschiedenen Ethnien des Chin State ausgestellt. Außerdem erfährt man etwas über die Strukturen der Clans und Chiefs im Gebiet der Chin Hills. Die Bibliothek besitzt rund 400 englischsprachige Bücher und 3000 Bücher aus Myanmar. Das Fotografieren ist nicht erlaubt!

Warum nicht einmal einen Friedhof besuchen? Wer es bis nach Hakha geschafft hat, sollte unbedingt in der Nähe des Stadions die Grabstätte Arthur Carsons besuchen, der am 1. April 1908 hier starb und bis heute hoch verehrt wird.

Arthur Carson
Grab von Arthur Carson in Hakha.

Rung Tlang (Mt. Rung) 2.299 m

An einem Morgen spazierten wir auf der asphaltierten Straße stadtauswärts in Richtung Zoghua. Nachdem Hakha hinter uns lag, trafen wir auf halber Strecke auf einen Militärposten und meldeten unser weiteres Vorhaben an. Auch hier wird nur Burmesisch gesprochen. Auf dem Gipfel des Mt. Rung befindet sich ein weiterer Stützpunkt mit einer Kaserne und einem Hubschrauberlandeplatz.

Die umliegenden Täler sind besonders am Morgen mit undurchdringlichem Nebel gefüllt. Hakha schwebt auf einer Wolke. Vogelkundler kommen in den dichten Nadelwäldern auf ihre Kosten. Die Zweige der Bäume sind mit Orchideen bewachsen, Kühe weiden auf kleinen Lichtungen. Es ist einfach wunderschön. Ein tiefer Frieden liegt über den versteckten Dörfern.

Hakha
Blick auf Hakha vom Rung Tlang.

Im August 2015 nach starken Regenfällen, ging vom Mt. Rung ein gewaltiger zerstörerischer Erdrutsch aus. Viele Häuser wurden verschüttet und die Straße weggerissen.

Hakha ist flächenmäßig groß, von hier regiert die Administration den abgelegenen Staat. Die Waren in den Geschäften beschränken sich auf dringend zum Überleben notwendige Artikel.

Unsere Reise führte uns weiter in den abgelegenen Norden.

Wieder zurück in Falam kroch der Jeep 120 Kilometer über Gesteinsbrocken und Bergsattel in eine andere Welt bis nach Tedim. Die Tedim Rd. ist in keinem guten Zustand. Sie führt weiter bis Tonzang an die Grenze zum Land der Naga. Wenn wir uns bisher auf dem „Mond“ befunden hatten, wie Nyi Nyi Tun es nannte, so sagte er, als wir uns auf der Straße vor Tedim befanden: „Now, we are on Mars!”

Hakha to Tedim lautet der Film.

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=mC3RoaBJFvQ

Tedim, Tiddim oder Hai-Dim

Die Stadt erhielt ihren Namen von einem kleinen See, der an dieser Stelle in der Sonne gefunkelt haben soll. In Zomi heißt „Te“ hell und „Dim“ funkeln.

Kamhau (Kamhao, Kamhow), Sokte sowie Saizang, Teizang und Zo werden in Tedim und Umgebung gesprochen. Alle Häuser sind der Sonne zugewandt, die zur Zeit der Sommersonnenwende punktgenau über dem Ort steht, denn der Tropic of Cancer, der Nördliche Wendekreis, verläuft genau über Tedim.

Freunde der Astro- und Himmelsfotografie kommen auf dem örtlichen Sportplatz in 1.700 m auf ihre Kosten. Kein Licht verschmutzt diesen Platz. So weltabgelegen Tedim zu sein scheint, die Stadt hat eine eigene Bibel, die Tedim Lai Siangtho. Diese Bibel wiederum hat eine eigene App und man kann sie kostenlos im Netz downloaden. Umso erstaunlicher, da hier oft nicht einmal ein Telefon funktioniert.

Chin State Tedim View
Tedim

Es war Sonntag. Der Platz vor dem Uhrenturm lag verlassen, die Türen der Häuser waren verschlossen. Ein für Asien ganz untypisches Bild. Aus den Fenstern drang stundenlang lautes Gebet. Das veranlasste uns nach Siangsawn Veng, ein vorgelagertes Dorf, zu fahren. Ja, es war Sonntag, natürlich, wir kamen gerade recht zu einem der spektakulärsten Gottesdienste, die ich je erlebt habe.

Siangsawn Veng – Model Village

Das kleine Dorf liegt nordöstlich auf einem Hügel in Sichtweite zu Tedim und hätte außer der grandiosen Lage an sich nichts Außergewöhnliches zu bieten, wäre es nicht ein Modell-Dorf der Sekte des Pau Cin Hau. Pau Cin Hau wurde 1859 im Dorf Lailui Khua, nahe Tedim Khuapi Uksung, geboren und lebte bis 1948. 1938 gründete er gemeinsam mit seiner Ehefrau sowie einigen Mitstreitern die Siangsawn Pasian Religious Sect.

Pau Cin Hau führte die Zotual Lai ein, eine Schrift die inzwischen seinen Namen trägt. Bis zum Eintreffen der Missionare wurde die Geschichte der Clans und Völker nur mündlich weitergegeben. Bis heute ist eine gute Schuldbildung eine der großen Herausforderungen.

Siangsawn Veng

Siangsawn Veng, ein Dorf ganz im Sinne des Glaubens. Hier leben die Mitglieder der Bewegung in kleinen gepflegten Häusern in kommunenartiger Gemeinschaft. Der schöne Laden ist nach der Kirche der Mittelpunkt des Dorfes. Dort werden selbst erzeugte Produkte, Gemüse und Webarbeiten, angeboten. Im Vorraum des neuen Gebäudes präsentiert man die örtlichen Trachten in schönen Glasvitrinen.

Trotz ihrer strengen Religiosität zeigen die Bewohner stolz in einem nachgebauten traditionellen Haus Geräte des täglichen Bedarfs, Waffen und Jagdtrophäen und berichten über sich selbst lächelnd aus ihrer animistischer Vergangenheit.

Unübersehbar mitten im kleinen Dorf stehen einige winzige Käfige, in denen aggressive Affen ihr trauriges Leben fristen. Die Bewohner halten die Affen „… damit Gott sieht, dass sich die Menschen auch um Tiere kümmern …“.

Der Gottesdienst der Pasian Religious Sect im nachfolgenden Film.

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=NhS1GmQO0C0

Khawmawi & Rihkhawdar

Die Piste von Tedim nach Khawmawi und Rihkhawdar ist ungefähr 53 km lang, dass sie eine wichtige Rolle im Handel mit Indien spielt, sieht man ihr nicht an.

Khawmawi, Rihkhawdar und Zokhawdar auf der indischen Seite, werden von den Mizo bewohnt, die dem Bundesstaat Mizoram in Indien ihren Namen gaben.

Tages-Touristen aus Indien kommen über den Fluss in das Grenz-Dorf, um in diversen erstaunlich gut sortierten Alkohol-Shops einzukaufen. Kleine Restaurants reihen sich entlang des Tiau Rivers. Hier ließen wir mit Blick auf die Grenzbrücke und Zokhawthar in Indien den Tag ausklingen.

Khawmawi Shop

Ausländischen Touristen ist der Grenzübertritt von Myanmar nach Indien nicht erlaubt. Anders geht es den Lastenschleppern mit ihren wooden Trolleys. Händler aus dem Chin State bzw. aus Myanmar bringen ihren Waren auf abenteuerlich anmutenden Klein-Lkw indischer Produktion durch das unwegsame Gebiet der Chin Hills nach Khawmawi, das immer in einem Atemzug mit Rihkawdar genannt wird. Vermutlich ist es ihnen nicht gestattet, mit den Fahrzeugen die Grenzbrücke zu überqueren. Also werden die Waren auf hölzerne Autos umgeladen, die alles haben, was ein Auto braucht, außer eben einem Motor.

Khawmawi Cars

Die Hauptstraße führt von einem Hügel direkt auf die Brücke und den Grenzposten zu. Nachdem riesige Waren-Pakete befestigt sind, platzieren sich die Schieber auf beide Seiten und hinter das hölzerne Gefährt. Ein kurzer Schubs, nun muss nur noch der Fahrer das hölzerne Lenkrad in der Spur halten und die Karre schießt auf die Brücke zu. Bereits in der Mitte muss wieder kräftig geschoben werden. Die Kunst der Schieber besteht hauptsächlich darin, die Balance übergroßer Lasten zu halten. Nachdem die Waren auf der anderen Seite abgeladen sind, kommen die Schlepper innerhalb weniger Minuten zurück und das Spiel beginnt von vorne.

Vor allem junge Frauen betreiben das äußerst anstrengende Geschäft, das größte Geschicklichkeit und Kraft erfordert.

Wie dieser „Kleine Grenzverkehr“ aussieht zeigt der Film Rihkhawdar to Zokhafthar.

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=qVyX6IC_nGk

Rih Dil

Der Rih Dil ist über die Grenzen des Chin States bekannt. Viele einheimische und indische Touristen reisen in den schwer zugänglichen Grenzort wegen des sagenumwobenen herzförmigen Sees, der sich in 3 km Entfernung von Khawmawi befindet.

Rih Dil
Der herzförmige mystische Rih Dil.

Die Mizo behaupten, dass durch den Rih Dil hindurch die Seelen in die Ewigkeit eintreten. Der Name Rih leitet sich aus einer Sage ab: Das Mädchen Rih-i hatte einst eine jüngere Schwester, die von ihrem Vater auf Anweisung der Stiefmutter in einen Wald gebracht wurde, um dort ermordet zu werden. Rih-i’s Schwester konnte mit Hilfe des guten Geistes Lasi wieder zum Leben erweckt werden. Mit dem gleichen magischen Spruch, der das bewirkt hatte, verwandelte sich Rih-i in den herzförmigen See. Weitere Sagen, die sich um diesen See ranken, bilden eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration für Schriftsteller und Komponisten der Mizo.

Rihlipui Restaurant & Hotel

Einige Meter vom See entfernt stehen 6 einfache Bungalows. Von der kleinen Terrasse hat man eine wundervolle Aussicht.

Rihlipui Restaurant & Hotel

Die Anlage ist ganz auf die Bedürfnisse der örtlichen Bevölkerung ausgerichtet: Relaxen und Essen in schöner Umgebung, das Schwimmen gehört nicht dazu. Einige wenige Fischer ziehen am Abend ihre Netze aus dem klaren Wasser des romantischen Sees, der inmitten von Reisfeldern liegt und von dunkelgrünen Urwäldern umgeben ist. Am gegenüberliegenden Ufer steht auf einem Hügel ein zauberhafter Stupa.

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=YO9M1S_BryY

 

Es war eine wundervolle Reise durch den Chin State, der hier im Norden und im Zentrum so überraschend anders ist, als an seinen südlichen Rändern. Sie gewährte uns einen, wenn auch nur flüchtigen, Einblick in das Leben der Chin-Völker. So viel gibt es noch zu entdecken. Der Chin State gehört heute zu Myanmar, ist aber doch so verschieden …

Die starke Verbindung von Alltag und christlicher Religion ist allgegenwärtig. Dennoch hat der Lebensstil eine ethnische Prägung. Trotz aller Kreuze und Bibelsprüche über den Türen, die animistische Vorstellungswelt, welche die Chin einst aus dem Himalaya sicher bin in das letzte Jahrhundert begleitete, hallt merklich nach. Vielleicht ist gerade das, das Geheimnis des Chin States.

Chin State Street

 

Aktuelle Informationen aus dem Chin State

liefern online der Chinland Guardien, Frontier Myanmar und The Chinland Post.

Das KUKI INTERNATIONAL FORUM berichtet über Kultur, Geschichte und Gegenwart der Chin Völker.